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Buchrezension

Roberto Simanowski: Stumme Medien
– vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft

Medienbildung ist ein zunehmend wichtiger Baustein unser Demokratie. In der Streitschrift Stumme Medien fordert Simanowski eindringlich dazu auf, Medienbildung endlich ganzheitlich zu lehren.

von René B.

"Das Medium ist die Massage" ist das populärste Buch des Medientheoretikers Marschall McLuhan. Vielleicht hat man sich in Erinnerung daran so viel Mühe mit der Covergestaltung von Stumme Medien gemacht. Im konstrastarmen Weltraum flackern weiße Sterne im Hintergrund, während im Vordergrund ein Oberschenkelknochen durch den Weltraum gleitet. Eine Reminiszenz an Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. In den Ecken sind Artefakte der smarten Gegenwart zu erkennen, wie den "Share-This-Button" share-icon zum Beispiel.

Simanowski richtet sich vor allen, an Lehrer, Politiker, Professoren und andere Entscheidungsträger in unser Gesellschaft. Strukturell beginnt er mit einer Einleitung wo er den Faden aus seinem letzten Buch Abfall – Das alternative ABC der neuen Medien wiederaufnimmt. Ein Jahr Donald Trump als Präsident und was Facebook mit seinem Sieg zu tun hat und warum es nicht unwahrscheinlich ist das in Marc Zuckerberg ähnliche Ambitionen in Sachen US-Präsidentschaft schlummern. Aber Simanowski geht es in Stumme Medien nicht um allein Soziale Netzwerke und deren Effekte, sondern ihm geht es um die Bestimmung der Ursachen, die Aufklärung der Betroffenen und den Auftrag, den Bildungsinstitutionen in dieser Hinsicht haben, … (S.12) Die Ausgangsthese mit der Simanowski arbeitet, bescheinigt den Verantwortlichen im allen Bildungsbereichen einen beträchtlichen Opportunismus. (S. 12) In einem kurzen Abriss über die Genialogie der Bildungspolitik, von der deutschen Aufklärung an bis zur bundesrepublikanischen Gegenwart, bescheinigt er ihr eine Reform-Obsession die echte Änderungen in der Bildung und Bildungspolitik nicht zulassen. Die Kurzsichtigkeit ist ein Merkmal der Politik, und zwar ein systemischen Problem jener Demokratie, die der Kapitalismus hervorbringt, schreibt er auf Seite 64. Simanowski kritisiert das Bildungspolitik sich Handlungsprämissen wirtschaftlicher Unternehmen unterordnet. Er führt dabei das allgegenwärtige Tosen um MINT-Fächer als Beispiel auf. Auch Wählerstimmen werden mit kurzfristigen Erfolgen, wie Arbeitsmarktzahlen und BIP, gewonnen, anstatt mit guten Ideen und langfristiger Planung. Denn wieder ist das Prinzip der gesellschaftlichen Brauchbarkeit zentral für die Theorie und Praxis der Bildung in den USA, Deutschland, Weltweit. (S. 100)

Wir kommen um zu bleiben

Einen Schwerpunkt legt Simanowski in der Unterscheidung von Digitalen Immigranten und Digital Natives an. Digitale Natives sind für ihn Menschen, die ab den frühen 1980er Jahren geboren worden sind. Sie nutzen digitale Werkzeuge wie sie ihre Muttersprache gebrauchen. Ohne vorher zu lernen wie die grammatikalischen Regeln sind fangen Kinder einfach an zu sprechen. Die Muttersprache lernt man unbewusst und unreflektiert. – Grammatik wendet man an, Muttersprache nutzt man ohne zu hinterfragen. Menschen die neu einwandern, Immigranten, dagegen müssen sich sehr bewusst mit der neuen Sprache auseinandersetzen. Vor allem pauken sie die Grammatik und lernen so das Wesen und die Besonderheiten und Eigenschaften der jeweiligen neuen Sprache, deren Vorzüge und Fallstricke. So ist es auch bei Digitalen Immigranten.

Bei ihnen gibt ein inneres Spannungsfeld, das durch seine analoge Prägung und der digitalen Wirklichkeit entsteht. Aus dieser Spannung folgt eine eine hohe Sensibilität, für Ungereimtheiten in den digitalen Versprechungen, die uns präsentiert werden. Gesellschaftliche Gefahren dich sich durch den Digitalismus ergeben erfasst der Einwanderer viel leichter als der Digital Native. Die Fähigkeit über das Wesen des Digitalen kritisch zu hinterfragen, gefahren zu sehen, ist bei Digital Natives schwächer ausgeprägt, weil sie sich eben nicht notwendiger Weise mit der Grammatik des Digitalen beschäftigen müssen.

Bildung der Adjektive, prafixe und suffixe
Bild: "Bildung der Adjektive. Suffixe und Präfixe." von fzofklenz unter CC 0

Blinde Lehrer

Die allgemeine Lehrerausbildung hat weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart dazu geführt das Lehrkräfte ein höheres Verständnis über digitale Bildung bekommen. Zwar gelingt es hin und Schülern Grundzüge von "Mediennutzungskompetenz" zu vermitteln, also wie benutze ich ein Bildbearbeitungsprogramm oder einen Webbrowser, aber was mindestens genauso wichtig ist und Simanowski als Medienreflexionskompetenz (S. 90) beschreibt fehlt völlig in den Schulklassen. Das digitale Medium selbst als erklärungsbedürftigen Diskussionsgegenstand zu in den Klassenraum zu stellen. Das ist der blinde Fleck.

Natürlich sind die verlangten Fähigkeiten in aktuellen Medienbildungskonzepten nicht nur und nicht einmal primär technischer, sondern auch und vor allem sozialer Art. Es geht um die Fähigkeit des Multikaskting und der multimodalen Kommunikation, es geht um Networking, Kollaboration, Navigation, Informationssuche und Ergebnisauswertung und immer mehr auch um Quellenkritik (Qualitätsbewertung, Erkennen von Falschmeldungen) und Umgangsformen (Netiquette, Cybermobbing, Trolling). Gleichwohl bleibt auch dies jeweils im Rahmen des Funktionellen. Medienbildung – oder "media literacy", wie das englische Pedant heißt – ist heute eher eine Anleitung zur richtigen Mediennutzeung als eine Praxis des kritischen Verhältnisses zu Welt und Gesellschaft im Kontext medialer Entwicklung.

Wenn du denkst du hast gedacht – in Universitäten

Die (Selbst)verstümmelung der Geistenswissenschaften ist das Thema im 3. Kapitel Medien und Universität. Zuvor geht Simanowski drauf ein, wie andere, fremde Entscheidungsträger mit musischen Fächer umgehen. Die entweder, durch den harten Schnitt der Mittelkürzung oder durch den sanfteren Weg, der Änderung der Zuteilungskriterien: Geld für Geräte statt Gedanken, für Wissen statt Zweifel. (S.156) in ihren Handlungsspielräumen beschnitten werden. Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse zeichnen sich eben genau dadurch aus das sie nie frei von Zweifel sind und der Hermeneutik statt der Empirie verpflichtet sind.

Die Geisteswissenschaften stehen seit der ersten industriellen Revolution mal mehr mal weniger unter Rechtfertigungsdruck der ihnen von Außen auferlegt wird. Zu den Ureigenen Aufgaben gehört unter anderen das bellen und beißen gegen soziale Misstände. Sie müssen unbequeme Fragen stellen und Antworten, liefern und einfordern, Theorien aufstellen. Das ist der Kernbereich der humanistischen Wissenschaften.

Wilhelm Humboldt schrieb um 1800 herum die Theorie der Bildung des Menschen in der er schon damals die ganze Sphäre von Bildung vermitteln sehen wollte und nicht nur das äußere nützliche. Wo Bildung, wie er definierte, stets als innerer Prozess des Sich-Bildens der eigen Individualität und als innere Formkraft wirkt.

Hundert Jahre danach, zwei Weltkriege später, beklagt Theodor Adorno in seinem Vortrag über die Theorie der Halbbildung das Bildung immer noch der Zweckdienlichkeit untergeordnet sei. Die ganze sogenannte kritische Theorie betrachtet die Zusammenhänge von Wissen, Bildung und Macht. Die kritische Theorie der Frankfurter Schule ist ein sehr lauter Warnruf gewesen, der im großen und ganzen verhallt ist. Wie schon im 19. und im 20. Jahrhundert noch mehr unterliegt die institutionelle Bildung immer noch der Frage nach ihrem materiellem und politischen Nutzwert. Im 21. Jahrhundert hat sich die Situation noch mehr verschärft, insbesondere durch den aufgekommenen Neoliberalismus. Vereinfacht ausgedrückt, Kinder sollen für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden. Simanowski beklagt das als Ausbildung und fordert echte Bildung in den staatlichen Institution.

Denkmal Rechenknecht

In Jahrhunderten unser Wissenskultur hat sich sehr viel Material angesammelt das man durchsuchen kann. Digitale Werkzeuge sind auch bei Textarbeitern beliebt. Digital Humanities ist dabei ein Trend, eine Mode die von ihrer unterstützenden Rolle zum Mainstream avanciert ist. Digital Humanities ist ein Kofferwort aus, Digital für Digitales und Humanities für Geisteswissenschaft also "digitale Geisteswissenschaften". Naiv betrachtet so sagt Simanowski, könnte die Digital Humanities unentdeckte Muster in Texten und Artefakten aufzeigen. Diese Muster gilt es zu Interpretieren. Der Trend allerdings entwickelt sich dahingehend, das diese Digital Humanities zu einem Ableger des Institut für Informatik wird. Algorithmen werden zur Quelle geisteswissenschaftlicher Texte.

Sie liefern die Daten, um die erhellende Texte ohne großen Theorieaufwand geschrieben werden. Der Generator des Postmodernen Unsinns war der Vorbote der Produktion künstlichen Wissens. (S. 161)
nonsens infografik
Bild: "Nonsensinfografik" von Blackangle unter CC 0

Die gelehrten müssen dringend darauf achten nicht an dem Ast zu sägen auf dem sie sitzen. Es besteht die Gefahr das die Geisteswissenschaften, aus Naivität oder aus Überheblichkeit heraus, ihre Grundlagen und Grundfähigkeiten verlieren könnten, das Denken. Eine besondere Fähigkeit der Geisteswissenschaften, nämlich das entwickeln von eigenen, originellen und komplexen Theorien verschwindet zusehends. Über Jahrhunderte geformte Mechanismen und Regeln der Geisteswissenschaften werden gerade im Eiltempo über Board geworfen. Wissenschaftliche Mitarbeiter der geisteswissenschaftlichen Institute laufen den Methoden der Naturwissenschaften hinterher.

Der Zwang zur Eindeutigkeit die einhergeht mit der Computerisierung und der Digitalisierung widerstrebt den eigentlichen Selbstverständnis der Geisteswissenschaft. Die Mehrdeutigkeit, Pluralität, die Unterschiedliche Auslegung von Inhalten und Gegenständen, das permanente Suchen nach dem Gleichgewicht, das Streben nach neuen kreativen Erkenntnissen sollte in den universitären Instituten im Vordergrund stehen. Die hohe Schule der Geisteswissenschaften zeichnet sich dadurch aus das sie eben nicht zählbar ist oder in TRUE or FALSE einzusortieren ist.

Denn so, wie die Biologie und die Neurowissenschaft nicht allein klären können, was der Mensch ist, so kann auch die Computerwissenschaft die Lebensumstände des Menschen, die sie verändert, nicht ohne die Hilfe der Geisteswissenschaften verstehen. … es ist wichtig, dass nicht allein die Naturwissenschaftler und Technikerinnen sondern auch die Geisteswissenschaftler den Rahmen der Nutzung bestimmen.

Zusammenhänge verstehen

Stumme Medien unterscheidet sich erheblich von Triptychon (Datalove 2014, Facebookgesellschaft 2016, Abfall 2017) der vorher von Simanowski bei Matthes & Seitz erschienen ist. Stumme Medien richtet sich sehr deutlich an zukünftige Lehrer, Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft und an Mitarbeitern wissenschaftlicher Akademien. Er hält ihnen den Spiegel der Gegenwart vor und appelliert das Thema Bildung nicht mehr unter der Prämisse der Verwertbarkeit anzugehen. Darüber hinaus fordert er von der Politik Mut für echte Bildung in Schulen und Universitäten. Er warnt vor den folgen. Er fordert eine Erziehung zur Mündigkeit, die unmöglich sein wird, wenn gar die Professoren und Dozenten als digital Natives und als digital Naivs herausstellen, weil sie es nicht anders gelernt haben, oder sich als bequeme Forscher im Sektor Digital Humanities postmodern eingerichtet haben.

Die wenigen großen Thesen stellt Simanowski sehr detailreich dar. Für die angesprochenen Berufsgruppen ist es ein deutlich zu verstehendes Buch, für Menschen die jenseits von Bildungseinrichtungen arbeiten wird es nicht ganz so leicht sein den Gedanken bis zum Ende zu folgen. Simanowski verzichtet auf tumbe Simplifizierungen, was ihn von einigen anderen Kollegen positiv unterscheidet. Simanowski betrachtet das Phänomen institutionelle Bildung von der Zeit der Aufklärung bis zur Gegenwart und gewichtet welchen Einfluss die digitale Revolution auf das Phänomen Bildung hat und welche Wechselwirkungen auftreten. Vor allem kritisiert er in Stumme Medien – vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft das fundamentale ausbleiben sich mit dem Wesen des Digitalen an sich auseinander zusetzen.

Fazit:
Stumme Medien gehört in jedes Lehrerzimmer und auf jeden Büchertisch der Universitäten. Es macht trotzt aller Beklemmungen die es auslösen kann, doch Mut und kann ein Ansporn für den Einzelnen sein, seinen Medienunterricht doch ganzheitlicher zu gestalten. Das Buch ruf dazu auf endlich auch über das Digitale an sich zu sprechen und zu begreifen, statt Digitales nur zu benutzen. Vielleicht will uns das Buchcover auch sagen, das dich im Weltraum niemand schreiend hört. Nicht das am Ende HAL9000, über TRUE or FALSE entscheidet. Dann ist es nämlich zu spät.

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Fakten: Buchcover Stumme Medien
Bild: Buchcover
Autor: Roberto Simanowski
Titel: Stumme Medien – vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft
Seiten: 300
Verlag: Matthes & Seitz, Berlin
VÖ-Jahr: