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Eine Buchrezension über die Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation von heute

Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen

Hans neuer Essay über Die Austreibung des Anderen. Mit alten und neuen Thesen wirft Han in gewohnter Manier um sich, um Erscheinungsformen und Resultate der Hyperkommunikation im Zeitalter des Neoliberalismus aufzuzeigen.

13. Februar 2017

von René B.

Die Austreibung des Anderen schließt sich nahtlos an, in die Serie seiner letzten Publikationen wie "Die Errettung des Schönen" (2015), "Psychopolitik" (2014) und seinen Werken wie "Transparenzgesellschaft" (2012) oder das neu aufgelegte und aktualisierte "Müdigkeitsgesellschaft" (2010). Die Austreibung des Anderen, mit dem Untertitel "Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute" ist als These zu verstehen. Gleichzeitig lässt Han keinen Zweifel daran, daß seine Argumente die er im Laufe des Essays aufzeigen wird, nur einen Schluss zulassen, nämlich, die Bestätigung seiner These.

Der Terror des immer Gleichen.

In zwölf Kapiteln betrachtet Han seinen Gegenstand. Den Menschen der westlichen Kultursphäre, der eingebettet in einer Gesellschaft lebt, die durch den Neoliberalismus geprägt ist. Han wäre kein guter Intellektueller und ein schlechter Philosoph, wenn er nicht auf einen der herausragenden Begrifflichkeiten unserer Zeit nämlich "Terror" eingehen würde. So lauten gleich die ersten drei Kapitel "Terror des Gleichen", "Gewalt des Globalen und Terrorismus" und "Terror der Authentizität".

Nicht überraschend ist es, daß Han biologische Bildnisse aufgreift wenn er schreibt; "Die Wucherung des Gleichen ist nicht karzinomatös, sondern komatös. Sie stößt auf keine immunologische Abwehr. Man glotzt bist zur Bewusstlosigkeit."

Die Dialektik zwischen Positivität und Negativität gehört schon lange zur Hanschen Philosophie, sie wurde schon früh zum Grundmuster seiner Darstellungen. Das diese Zweipoligkeit auch in Die Austreibung des Anderen eine zentrale Rolle spielen wird war zu erwarten. Seinem didaktischem Vermögen ist es zu verdanken das seine Leser trotz einer mitunter schwierigen Wortwahl versteht was er "sagen" möchte. Das ist insofern skurril weil er dies über Wiederholungen tut. Von den Wiederholungen, die höchsten eine andere Schale haben aber im wesentlichen nichts neues hervorbringen, will er sich eigentlich distanzieren und kritisiert das deutlich. Es birgt von daher nicht eine gewisse Ironie in sich, das gerade Hans Werke durch Redundanzen geprägt sind.

Aber keine Sorge dieser Essay erweitert und spezifiziert Hans Sicht auf unsere Gesellschaft. Hat er sich in "Die Errettung des Schönen" überwiegend den taktilen Sinnen, also den Nahsinnen zugewendet, so richtet er in diesen Werk das Augenmerk den "Blick", "Stimme" und "Hören", also auf die Fernsinne.

Höre das ich spreche …

Die menschliche Kommunikation ist in erster Linie eine orale Kommunikation, geprägt durch das Sprechen und dessen Widerpart dem "aktiven" Zuhören. Für Han ist Michael Endes "Momo" die perfekte Zuhörerin.

"'Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. […]' Momo sitz nur da und hört einfach zu. Ihr Zuhören bewirkt aber Wunder. Sie bringt Menschen auf Gedanken, auf die sie nie allein gekommen wären." (S.100)

Beim Kapitel Zuhören, kommt die Dialektik von Positivität und Negativität deutlich zum Ausdruck. Seltene Sätze der Hoffnung verbergen sich in seinen Ausführungen wenn er sagt: "Die lärmende Müdigkeitsgesellschaft ist taub. Die kommende Gesellschaft könnte dagegen eine Gesellschaft der Zuhörenden und Lauschenden heißen." Han sagt, die Verdichtung der Zeit hat mit dem unmittelbaren Ziel der Produktionssteigerung zu tun. Das laute, permanente lärmende in unserer Gesellschaft die einem Tinnitus gleicht, ist immer gleich laut, sie lässt keine Chance mehr zu Zwischentöne zu hören. Die "Totalisierung der Zeit" führt zur "Totalausbeutung des Menschen".

… und sehe das ich dich erfasse.

Der "Blick" ist ein Kapitel in dem es um die visuelle Wahrnehmung geht. Blicken und Sehen wird nicht als direktes Erfassen beschrieben sondern als die als Reflektion und Rezeption, als einen äußerst abstrakten Gedanken. Kunstwerke werden erst dann gut, wenn sie weit weg ist vom Ordinären, leicht Erfassbaren sind.

Anhand der Filme von Federico Fellini in "La Doce Vita" und von Hitchcock "Fenster zum Hof" will Han die Vielschichtigkeit hervorheben, die im Blick enthalten ist. "Der Blick von Thorwald, der Jeff erfasst, beendet die Souveränität des voyeuristischen Auges. Nun ist Jeff ganz dem Blick des Anderen ausgeliefert …" Diese Wechselspannung die in uns Angst erzeugt, "der Blick des Anderen" fällt im Digitalen Raum weg, kritisiert Han.

Wir fühlen uns selten angeblickt oder einem Blick ausgesetzt. Die Welt präsentiert sich als Augenweide, die uns zu gefallen sucht. Der digitale Bildschirm hat ebenfalls nicht Blickhaftes. Windows ist ein Fenster ohne Blick.

Wasche mich, aber mach mich nicht naß.

Die Austreibung des Anderen ist ein Fürrede sich auf das Andere, das Fremde und unbekannt, das Raue und Schroffe, Ferne und Unbekannte einzulassen. Das ständige bleiben in der eigenen Wohlfühlzone wird zu einer Überbewertung des Ego führen, vielleicht sogar bis hin zum krankhaften Narzissmus so Han. Der Narzisst ist ein Gefangener seiner selbst und kommt aus dem Blick vom Ich, nicht mehr hinaus in "feindliche Leben". Der Ichzentrismus ist eine Folge des Neoliberalismus der die Beziehungen zu anderen Menschen stört, bis hin zur Unfähigkeit das Fremde aushalten zu können.

Angst vor dem Unbekannten spielt in der Gegenwart eine sehr große Rolle, so wird in der Politik häufig von den "defusen Ängsten" der z.B. AfD-Anhänger gesprochen. Aber auch Menschen die sich selbst als politisch Linke sehen, fühlen sich zunehmend defusen Ängsten ausgesetzt. Das spiegelt unter anderen in den Forderungen nach sogenannten "Safe-Spaces" oder "Awareness-Räumen" wieder. Sowohl die Neurechten, als auch zweit genannte Gruppe sind äußerst Aktiv im Internet. Sie sind Opfer der "Hyperkommunikation" die auf Dauer zur Unverständlichkeit des Anderen führt. Han stellt fest, das der überwiegende Teil der digitalen Kommunikation ohne konkreten Adressaten von Statten geht. Es wird einfach so in den Raum hinein gepostet.

Aus dem digitalen Echoraum, in dem man vor allem sich selbst sprechen hört, schwindet immer mehr die Stimme des Anderen. Heute ist die Welt aufgrund der Abwesenheit des Anderen weniger stimmhaft.

Eine bidirektionale Kommunikation ist eher die Ausnahme als die Regel. Kommt es doch einmal zur einer direkten Rückmeldung die einem nicht passt, wird "Der Andere" auf Twitter blockiert, ausgeblendet, auf Facebook geblockt, unliebsame Kommentare zensiert. Diese Art von Selbstzensur führt zur "Austreibung des Anderen". Der Neoliberalismus lässt uns selbst die Beziehungsbänder zu anderen Mitmenschen zerschneiden.

Fazit:
Die Austreibung des Anderen setzt Hans Werk fugenlos fort. Ein Essay der viele Aspekte von seinen bisherigen Publikationen aufgreift, diese aber mit neuen Aspekten anreichert. Fernsinne wie Hören und Sehen werden neu, im Kontext der Kommunikation von heute, beleuchtet. Wichtig!

Fakten: Buchcover Die Austreibung des Anderen von Han
Buchcover: Die Austreibung des Anderen
Autor: Byung-Chul Han
Titel: Die Austreibung des Anderen -
Gesellschaft, Wahrnehmung und
Kommunikation heute
Seiten: 108
Verlag: S. Fischerverlag
VÖ-Jahr: 2016