Denklatenz

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Eine Auseinandersetzung mit Byung-Chul Hans Essay - Infokratie

Digitalisierung und die Krise der Demokratie

Byung-Chul Hans 2021 erschienener Essay über das gegenwärtige Verhältnis zwischen Information und Wahrheit und was die Verschiebung der Schwerpunkte mit der Krise der Demokratie zu tun hat.

von René Buchfink

Buchcover Infokratie
Buchcover Infokratie

Inhaltsverzeichnis


Der Essay Infokratie – Digitalisierung und die Krise der Demokratie gliedert sich in fünf Teile auf. Im ersten Teil Informationregime, vergleicht er Foucaults Diziplinarregime mit den Eigenschaften des Informationsregime das Foucault so nicht hat kommen sehen.

Totalitarismus ohne Ideologie

Han vertritt in seinem Essay die These das in einem Informationsregime die Narration durch das Numerische ersetzt wird. Außerdem postuliert er das sich in Informationsregiemes keine Massenbewegungen bilden lassen. Selbst wenn sie sich versammeln, bilden sie keine Masse, sondern digitale Schwärme, die nicht einen Führer sondern, Influencern folgen. Digitale Medien bringen die Herrschaft der Information hervor. – schreibt er weiter. Mit dem verschwinden der Biopolitik über die Han schon viel geschrieben hat, verschwindet auch die Chance den Totalitarismus mit seinen fünf Sinnen wahrzunehmen und totalitäre Strukturen als Wirklichkeit zu erkennen. Der Dataismus des Informationsregieme, so Han weiter, hat keine Ideologie, sein Totalitarismus versteckt sich hinter Daten. Hinter dem Wort Daten, das vom Datum, date, dem lateinischen „dare“ geben, bzw. als das Gegebene kommt, treten keinerlei transzendenten Elemente hervor. Der Dataismus malt sich keine andere Wirklichkeit hinter dem Gegebenen, hinter den Daten aus, denn er ist ein Totalitarismus ohne Ideologie. Leider hört Han hier abrupt auf und verzichtet darauf zu erzählen welche Konsequenzen das mit sich bringen könnte einen Totalitarismus ohne Ideologie zu haben.

Infokratie

Das nächste Kapitel Infokratie eröffnet Han, indem er einen historischen Rückblick aufzeigt. Er schreibt über die Zusammenhänge zwischen der Buchkultur und sich der daraus entwickelten Diskurskultur und Demokratie. In einer vom Buchdruck geleiteten Kultur zeichnet sich der öffentliche Diskurs durch eine Kohärente, geregelte Anordnung von Tatsachen und Gedanken aus, zitiert er Neil Postman aus Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, aus dem Jahr 1988.

Han vergleicht in diesen Kapitel die politischen Debatten des 19. Jhd. mit denen von heute. Als Beispiel führt er ein Rededuell von 1854 an, das zwischen dem Republikaner Abraham Lincoln und dem Demokraten Stephan A. Douglas stattfand. Beide Kontrahenten hatten zunächst jeweils drei Stunden Redezeit um ihre politische Vision darzulegen, anschließend eine Stunde Redezeit um auf die Rede des politischen Gegenspielers einzugehen und zu kontern. Der politische Wettstreit wurde vor Publikum ausgetragen. Han attestiert den Zuhörern von damals eine ganz andere Fähigkeit zur Konzentration, als es heute gemein ist.

Elektronische Massenmedien zerstören den von Buchkultur geprägten rationalen Diskurs, schreibt Han. Elektronische Medien ziehen die Zuhörer und Zuschauer ihn ihren Bann, was nicht schlimm sein müsste, aber gleichzeitig geht die kritische Distanz verloren. Die Möglichkeit zum sprechen und widersprechen verschwindet im elektronischen Raum. Es findet eine Entmündigung statt. Warum Han an dieser Stelle keinen Hinweis darauf gibt, das mit der Hoheit über Technik und Technologie auch Macht verstetigt wird, ist mir rätselhaft. Eine Öffentlichkeit über elektronische Medien ist jedenfalls eine Scheinöffentlichkeit, und bestätigt Jürgen Habermas der das 1962 in seiner Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit anmerkte. Mit der Eintaktung von Öffentlichkeit in Sendeblöcke und Werbepausen weicht das rationale Denken, dem eigenen Geschmacks- und eigenen Neigungsmuster. Das Amüsement bestimmt die Vermittlung politischer Inhalte …. Wo es wie bei Ronald Reagan nicht mehr auf Argumente, sondern auf Performence ankommt. Redezeit und Stil verändern sich radikal. Wer sich besser in Szene setzt, gewinnt die Wahl. Der Diskurs verkommt zur Show und Werbung. Han kritisiert, das selbst Printmedien Diskurse fragmentieren und das Radio von kommerziellen Interessen eingenommen worden ist. Auch hier hätte ich mir einen Hinweis auf das Phänomen Podcast gewünscht, denn in vielen Podcast lässt sich ein Gegentrend zu der verkürzten Darstellungsformen auszumachen. Auch wenn laut aktueller Studie der Otto-Brenner-Stiftung „Den richtigen Ton treffen: Der Podcast-Boom in Deutschland“ diese im ihren Fazit anmerkt, das mit zunehmender Kommerzialisierung für die Masse der Politik-Podcasts die Weichen stärker in Richtung „Infotainment“ gestellt werden.

Der öffentliche Diskurs wird nicht nur durch das Infotainment bedroht, sondern bekommt durch die digitalen Medien eine völlig neue Form der Unterwerfung. Die Mattscheibe, der Telescreen wird durch den Touchscreen ersetzt. Vom passiven Konsumenten wird man nun beides, Konsument und aktiver Sender.

Info-Krieg

Im Zeitalter der digitalem Medien wird die diskursive Öffentlichkeit nicht durch Unterhaltungsformate der Massenmedien, nicht durch Infotainment, sondern vor allem durch die virale Verbreitung und Vermehrung von Informationen bedroht, eine Infodemie. Han greift hier auf eine Aussage von Tedros Adahanom Ghebreyesus, dem Chef der WHO auf, der im Kontext der Coronapandemie Anfang 2020 sagte, Wir bekämpfen nicht nur eine Pandemie, wir bekämpfen eine Infodemie. Da Informationen eine sehr schmale Aktualitässpanne haben, gerät die Wirklichkeit in einen Taumel der Aktualität und versetz so das kognitive System in einen Zustand der Unruhe, so Han. Der Beschleunigungszwang, der Informationen innewohnt, verdrängt, zeitintensive kognitive Praktiken wie, Wissen, Erfahrung und Erkenntnis, führt er weiter aus.

Hase und Igel sind auf einem Feld, beide haben menschliche Kleidung an. Der Igel sitzt im Ziel während der der Hase erst herangestürmt kommt
Het Wettloopen tüschen den Haasen un den Swinegel
Von Gustav Süs - Scan eines Reprints, Gemeinfrei, Link

Auch wenn Han das in seinen Essay nicht anspricht, so finde ich sollte man den Brückenschlag zu den Querdenkern machen, die sich im Zuge der Coronapandie zu einer Sozialen-Bewegung formiert haben. Eine Bewegung die im doppelten Sinne viral ging. Die Informationsquellen und Diskursplattformen der Querdenker sind Soziale-Medien, Facebook, Telegram usw.. Fake-News, werden geglaubt und für „Die Wahrheit“ angenommen, sie werden massenhaft verbreite. Das geschieht mit einem Tempo dem keine journalistische Redaktion folgen kann. Leitmedien wie die Tagesschau versuchen mit ihrem Faktenfinder ein Gegengewicht zu sein. Allgemein formuliert, schreibt Han, dass seriöse Nachrichtenmedien diesen Info-Krieg nicht gewinnen können. Zum einen weil Fake-News schneller und zahlreicher Verbreitung finden und es viel schwieriger und zeitaufwändiger ist diese zu widerlegen. Fake-News gehen viral, durch Memes etc.. Bilder argumentieren nicht, sie prägen sich schneller in unser Gehirn ein. Bis der Verifikationsprozess einsetzt, haben sie bereits ihre volle Wirkung getan. Zum anderen geht es bei Fake-News um die Zerstörung von politischen und öffentlichen Diskursen, um Spaltung von Gesellschaft, gar um die Vernichtung von Diskursfähigkeit als solches. Das Mittel dazu sind massenhaft Informationen. Der Inhalt der Information spielt keine Rolle. Es geht um das erschlagen und ertränken des politischen Gegners, mit einer schier endlosen Kette von Fake-News und immer neuen Behauptungen usw..

Tagesschau & Co stehen meiner Meinung nach auf verloren Posten, Han spricht gar von scheitern. Sie verschwenden Ressourcen die sie lieber in echte journalistische und aufklärerische Arbeit hineinstecken sollten anstatt auf Fake-News zu reagieren, denke ich. Zudem, das reine aufzeigen von Fakten, das sogenannte Faktenchecker versuchen, ist zu wenig. Journalismus sollte Themen und Sachverhalte einordnen und kontextualisieren. Ghebreyesus, Chef der WHO hat das Problem früh erkannt. Fake-News sind ein Pandemie in der Pandemie.

Das Ende der Kommunikation.

Viele haben geglaubt das mit der Verstetigung des Internets ein Demokratisierungsschub stattfindet und die erstarrte repräsentative Demokratie wieder vital wird. Die Piratenpartei hat das mit ihrem Konzept des LiquidFeeback versucht. An Stelle der Repräsentation tritt die Unmittelbarkeit und eine digitale Echtzeit-Demokratie. Han schreibt, dass sich die Hoffnung so mancher Internetapologeten, dass die Demokratie der Zukunft eine Echtzeit-Demokratie sein werde, sich als totale Illusion herausstellte. Er wiederholt nochmal das digitale Schwärme keine politisch handelnde Kollektive bilden. Gerade das Smartphone bringt eher Konsum- und Kommunikationszombies als mündige Bürger hervor.

Die digitale Kommunikation bewirkt eine Umsteuerung des Informationsstrom, die sich destruktiv auf den demokratischen Prozess auswirkt. Informationen verbreiten sich, ohne dass sie den öffentlichen Raum passieren. Sie werden in Privaträumen produziert und an Privaträume gesendet. So bildet das Netz keine Öffentlichkeit. Soziale-Medien verstärken die Kommunikation ohne Gemeinschaft. Aus Influencern und Followern lässt sich keine politische Öffentlichkeit formen. Digitale Communitys sind ein Warenform der Gemeinschaft. In Wirklichkeit sind sie commodities. Sie sind nicht fähig zur politischen Handlung.

Dem digitalen Netz fehlt die amphitheatrale Struktur der Massenmedien und die Öffentlichkeit verflüchtigt sich in interessengeleitete Schwärme.

Eine Meinung bilde ich mir, indem ich eine bestimmte Sache von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachte, indem ich mir die Standpunkte der abwesenden vergegenwärtige und sie mir so repräsentiere. – zitiert Han Hanna Arendt aus Wahrheit und Politik, in: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I.. Ohne die Gegenwart des Anderen ist meine Meinung nicht diskursiv, nicht repräsentativ, sondern autistisch, doktrinär und dogmatisch, bringt es Han auf den Punkt. Ich vergleiche einen Diskurs gerne mit einem Eishockeyspiel. Der Puck ist der Diskussionsgegenstand, der wird hin und her geschoben wird und so voran Richtung Ziel getrieben. Ein gelungener Diskurs funktioniert meiner Meinung nach nicht viel anders. Einen Diskurs zu verweigern bedeutet gleichzeitig die Verweigerung die eigene Meinung in Frage zu stellen. Der Slogan Fragend schreiten wir voran. ist im politischen Milieu im verschwinden begriffen. Was dagegen stark zugenommen hat und mit der Krise des kommunikativen Handels einhergeht, ist sich selbst zu indoktrinieren. Han spricht an dieser Stelle von autopropaganda, das dadurch Diskursräume immer mehr durch Echokammern verdrängt [werden], in denen ich vor allem mich selbst sprechen höre. Am Ende bleiben autistische Infoblasen übrig. Es ist eine Krise des Zuhörens.

Stammesgebiete

Soweit hat Han das auch schon in seinem Werk Die Austreibung des Anderen niedergeschrieben. Im vorliegenden Essay Infokratie erweitert er seine These dahingehend, das zur Führung eines Diskurs, die eigene Meinung von der eigenen Identität abzutrennen Voraussetzung ist. Wer das nicht kann oder nicht will, sieht sich bei jeder Diskussion in seiner Identität bedroht.

Han sagt ausdrücklich das diese Phänomene wie der Zerfall der Öffentlichkeit, die Selbst-Indoktrination, der Verlust der Empathie, das nicht Zuhören, die Atomisierung und Narzifizierung der Gesellschaft, der Kult des Selbst, all das in der Offline-Welt angekommen ist. Er stellt zwei Sachen heraus die er fundamental für die Krise der Demokratie Ursächlich hält, Das Verschwinden des Anderen und die Unfähigkeit des zuhörens. Beides hat er in bisherigen Publikationen umfangreich erörtert. Neu ist wie geschrieben der Aspekt der Identität.

Eine intakte Lebenswelt ist nur in einer relativ homogenen Gesellschaft möglich, die gleiche Werte und kulturelle Überlieferungen teilt, schreibt Han. Die realen Lebenswelten unterliegen heutzutage starken Fragmentierungsprozessen. Bei den von Auflösungserscheinungen betroffenen gemeinsamen Erfahrungshorizonten, spielt neben der Globalisierung auch der Geschwindigkeitsrausch der digitalen Welt eine gewichtige Rolle. Hinzukommt eine Defaktifizierung und Dekontextualisierung die zum Verlust holistischer Erfahrung führt und somit, weitergedacht, zum Verlust einer gemeinsamen Sprache führt.

In netzbasierten Lebenswelten war dies nie viel anders. Das Netz jedenfalls braucht keine Fakten. Der quantitative Erfolg von digitalen Räumen kommt von ihrem Potential Identität zu stiften. Han erkennt eine Tribalisierung des Netzes und wundert sich nicht, dass gerade das Rechten Lager solche netzbasierten Lebenswelten nutzt. Verschwörungstheorien werden als Identitätsangebot aufgegriffen, schreibt er. Stammesbewusstsein ist Voraussetzen für Identitätspolitik. Er geht davon aus, dass die Abschottung solcher Netze und Netzwerke keinen technischen bzw. algorithmischen Hintergrund haben, sondern die digitalen Stamme sich selber abschotten.

Die digitalen Stämme schotten sich ab, indem sie von sich aus Informationen selegieren und für ihre Identitätspolitik einsetzen. Entgegen der Filter-Bubble-These werde sie in ihren Infoblasen durchaus mit Tatsachen und Fakten konfrontiert, die ihre Überzeugung widersprechen. Aber sie werden einfach ignoriert, weil sie nicht in das identitätsstiftende Narrativ passen, weil das Aufgeben der Überzeugungen dem Identitätsverlust gleichkommt, den auf auf jeden Fall zu vermeiden gilt. So lehnen die tribalistischen Identitätskollektive jeden Diskurs, jeden Dialog ab. Verständigung ist nicht mehr möglich. Die von ihnen geäußerte Meinung ist nicht diskursiv, sondern heilig, weil sie mit ihrer Identität gänzlich zusammenfällt, die sie unmöglich aufgeben können.

Diskussionen und der Austausch von Argument und Gegenargument findet nicht mehr statt. Den Stämmen netzbasierten Lebenswelten tritt man durch ein Glaubensbekenntnis bei. Außerhalb des eigenen Stammesgebiet gibt dann nur noch Feinde, ja Andere, die es zu bekämpfen gilt. Gleichwohl der Tribalismus bei Rechten viel ausgeprägter ist, lässt sich in zunehmenden Maße das auch in der linken Identitätspolitik beobachten. Die Phänomene die ihren Ursprung in Internetwelten haben erreichen durch einen psychologischen Transformationsprozess reale Lebenswelten, wo sich Gesellschaften spalten und zunehmend polarisieren. Am Ende dieser Entwicklung stehen sich nur noch unversöhnliche Identitäten gegenüber.

Zusammengefasst schreibt Han, das es ohne zuhören keinen Diskurs gibt. Ohne Diskurs hört man nur noch sich selber sprechen. Die digitale Kommunikation als Kommunikation ohne Gemeinschaft zerstört die Politik des Zuhörens […] Das wäre das Ende des kommunikativen Handelns.

digitale Rationalität – Ohne Herz und Verstand

Zur kommunikativen Rationalität gehören laut Habermas mindesten zwei Eigenschaften ersten Begründungsfähigkeit und zweitens die Bereitschaft zum Lernen. Im Kapitel digitale Rationalität legt Han seinen Beobachtungsschwerpunkt auf sogenannte Dataisten und deren Ideologie. Mit digitaler Rationalität mein Han eine Rationalität die ohne Diskurs und Kommunikation auskommt.

Er beschreibt in diesen Kapitel, was die Ideologie von Dataisten ausmacht, die glauben, dass künstliche Intelligenz das Leben leichter machen wird und die Lösung aller Probleme ist. KI ist für Dataisten vergleichbar mit einem Heilsbringer, gerade in Bezug auf politische Entscheidungen. KIs bzw. Machine learning (Maschinelles Lernen) übernehmen das Lernen und die dazugehörigen Algorithmen simulieren das Begründen. Han schreibt, dass Maschinelles Lernen nicht Diskursiv funktioniert, sondern nummerisch. Es ist ein Lernen ohne Herz und Verstand und ohne Empathie.

Für Dataisten ist ein öffentlicher Diskurs, das Lernen aus Erfahrung, Erkenntnisse aus dem sozialen Miteinander, das politische Abwägen von Entscheidungen, neu hinterfragen von Entscheidungen, der argumentative Austausch eine ineffiziente Form von Informationsverarbeitung. Sie wollen das Maschinen das Begründen übernehmen bzw. die Algorithmen die Begründung vorwegnehmen. Da kommt wieder die Frage auf, wer die Hoheit über die Algorithmen hat. Ein zweiter nicht zu vergessender Aspekt ist, das derzeit Maschinelles Lernen sehr viele Daten brauchen, Stichwort Big-Data. Big Data heißt auf französisch numérique. Das Nummerische und das Narrative, das Erzählbare und das Zählbare, gehören zwei grundverschiedenen Ordnungen an.

Politik soll durch nummerische Methoden begrenzt werden, so die Dataisten. Diese Idee ist keineswegs neu. In der Mitte des 20. Jahrhundert hatten Kybernetiker versucht mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Hypothesen, Theorien und Modellen Politik und Gesellschaft zu erklären und zu gestalten. Das ist gänzlich gescheitert. Aber auch früher schon, im 18. Jahrhundert, hatte Rousseau nummerische Methoden (Statistik) im Blick die für politische Machtspiele verwendet werden könnten. Das Subjekt wird zur Nummer. Die Dataisten im digitalen Zeitalter verabschieden sich von einer kommunikativen Rationalität hin zu einer digitalen Rationalität. Sie verwerfen die Freiheit des Einzelnen und versuchen der Gesellschaft einen digitalen Behaviorismus aufzudrücken. Nudging ist ein Beispiel für Behaviorismus. Digitaler Behaviorismus ist weicher Autoritarismus der Psychopolitik. Behaviorismus ist nicht mit Demokratie vereinbar, schreibt Han. Es ist eine tückische Form von Bevormundung und Diktatur. Bei den Dataisten löst sich das Menschsein, in ein kümmerlichen Rest aus Datensätzen, auf.

Krise der Wahrheit

Im letzten Kapitel des Essays befasst sich Han noch einmal mit Wahrheit und versucht eine generelle Einordnung wie und wo Wahrheit heutzutage ausgehebelt wird. Er fängt auch hier mit ein philosophischen Rückschau an, zitiert Nietzsche, der sagte, dass Wahrheit mit der gültigen und fixierten Bezeichnung der Dinge anfängt. Die Krise der Wahrheit breitet sich dort aus wo sich Gesellschaft zu Gruppen oder Stämmen zerfällt, zwischen denen keine Verständigung, keine „verbindliche Bezeichnung der Dinge“ mehr möglich ist. In der Krise der Wahrheit geht die gemeinsame Welt, ja die gemeinsame Sprache verloren.

Fake-News sind keine Lügen im klassischen Sinne. Sie haben keinen stabilen Kern, sie greifen die Faktizität als solches an. Hitler war ein Präsident der Herzen, sein Politikstil war emotionalisierend, aber während Hitler die Wahrheit kannte und sie mit Lügen zu verdecken versuchte, ist es Donald Trump völlig egal. Das ist neu. Han vergleicht Hanna Arendts Essay Elemete und Ursprung totaler Herrschaft (1955), mit den Bildern aus Georg Orwells Roman 1984 und dem Heute. Arendt schrieb das die Wahrheit über eine seltsame Zähigkeit verfüge und hartnäckig sei, die trotz aller Bemühungen nicht rückgängig zu machen ist. Heutzutage konstatiert Han gehören Hartnäckigkeit und Zähigkeit der Wahrheit […] der Vergangenheit an. Trump, der Twitterpräsident.

Die digitale Ordnung schafft generell die Festigkeit des Faktischen, ja die Festigkeit des Seins ab, indem sie die Herstellbarkeit totalsiert. In der totalen Herstellbarkeit gibt es nichts, was sich nicht rückgängig machen ließe. Die digitalisierte, das heißt informatisierte Welt ist alles andere als hartnäckig und zäh, Sie ist vielmehr beliebig form- und manipulierbar. Die Digitalität ist der Faktizität diametral entgegengesetzt.

Zum Ende des Essays werden werden nun die Gedanken zum Informationregime und Krise der Wahrheit zusammen gebracht und zusammen gedacht. Erzählungen zerfallen zu Informationen. Informationen stiften keinen Sinn und bilden keine Identität aus. Das immerfortwährende zählen wiederum ruft ein Bedürfnis nach Erzählungen hervor, Verschwörungstheorien sind Mikroerzählungen die dem Dürstenden, Sinn und Identität vermitteln. Mit Faktencheckts, dem Argumentieren mit Zahlen und Daten, mit guten naturwissenschaftlichen Studien kommt man weder gegen Verschwörungstheorien noch Fake-News an, denke ich. In jüngster Zeit, gerade im im Kontext von Friday For Future, eine Bewegung die meine volle Sympathie hat, und der Coronapandemie, ist es im Politikbetrieb zu einem Revivial von Naturwissenschaftlichkeit gekommen. Politiker und politische Aktivisten nehmen wissenschaftliche Studien als Anlass für ihr politischen Handel. Zum Teil ist das zu begrüßen, aber, die Wahrheit und schon gar nicht Politik ist eine naturwissenschaftliche Angelegenheit, egal wie seriös oder faktenbasiert sie ist. Von daher möchte ich zur Frage stellen ob Politiker gut beraten sind naturwissenschaftliche Evidenz als Treiber der eigenen Politik zu sehen? Nicht nur Verschwörungtheoriker auch Politiker lassen sich zunehmend vom Zauber der Information leiten. In der digitalen Gesellschaft, in der digitalen Ordnung der Welt weicht die Festigkeit des Seins der Flüchtigkeit der Information. Die Epoche der Wahrheit ist offenbar vorbei. Das Informationsregime verdrängt das Wahrheitsregime., schreibt Han in abschließenden Sätzen. Mit den Blick auf den Wahlkampf und die drei Kanzlerkanditen Baerbock, Laschet und Scholz, kann man dem wohl nur zustimmen.

Fazit

Byung-Chul Hans knapp 90-seitiger Essay verdichtet sein Theoriegebäude um das Digitale Wesen. Wie schon in seinen vorherigen Essays und Publikationen malt Han, meiner Meinung nach ein düsteres Bild von der Zukunft. Allerdings hält er sich sehr mit moralischen Bewertungen zurück. Wer seine gute Laune behalten will, sollte Han lieber nicht lesen. In seinen Essay über die Infokratie wiederholt viele Beobachtungen die er schon in seinen vorherigen Essays umfangreich dargelegt hat. Neu sind die Aspekte zur Identitätspolitik. Obwohl Han keine aktuellen Beispiele bringt, spürt man, dass seine Beobachtungen dicht am Puls der Zeit liegen. Gerade jetzt kurz vor der Bundestagswahl, im September 2021, sollte man Han lesen. Mit Hans Analysen die er in seinem Essay Infokratie darlegt, lassen sich einige Phänomene die diesen Wahlkampf begleiten erklären.


Der 1959 in Südkorea geborene, Byung-Chul Han (Hangul: 병철한 Byeong-cheol Han) ist ein koreanisch-deutscher Philosoph, Kulturwissenschaftler und Autor. Von 2012 bis 2017 war Han Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Han lebt in Berlin.
quelle: wikipedia

Für die Buchbesprechung hat mir der Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.


Fakten:
Cover Infokratie
Cover: Infokratie
Autor: Byung-Chul Han
Titel: Infokratie - Digitalisierung und die Krise der Demokratie
Seiten: ca. 100
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
VÖ-Jahr: 2021, 10€