Denklatenz

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Ein Coronaroman?

Juli Zeh – Über Menschen

von René Buchfink

Buchcover
Buchcover: Juli Zeh 'Über Menschen'

Dora, 36 Jahre alt, läuft im Hamsterrad des Neoliberalismus. Sie fühlt sich überwiegend erfüllt in ihrem Leben, die formalen Bedingungen um glücklich zu sein, scheinen jedenfalls vorhanden zu sein. Sie ist zufrieden mit ihrem Job in der Werbeagentur und ist mit ihrem Dauerfreund Robert zusammengezogen. An materiellem mangelt ihr nichts. Ihre Hündin, eine französischer Bulldoggenmix, ist allseits beliebt. – Ein Kindersatz. Sie nennt die Hündin Jochen-der-Rochen, weil das kurzbeinige Tier beim gassigehen immer so röchelt. Dora hat sich eingerichtet, als irgendwie Linke in Berlin-Kreuzberg. Robert ist nicht viel anders, außer das er seit einigen Jahren das Klimathema auf der Agenda hat. Seit Friday-for-Future da ist brennt er noch mehr und ist wirklich engagiert bei der Sache. Für ein Online-Magazin schreibt er Kolumnen rund ums Klimathema, offenbar sogar erfolgreich. Jedenfalls nimmt er es mit der Weltrettung sehr genau, vegetarische Ernährung, Jutebeutel, Mülltrennung. Wehe Dora wirft Braunglas in den Container für Grünglas – dann macht Robert ihr deswegen eine Szene. Die moralische Überheblichkeit mit der er auf sie Druck ausübt, schiebt sie zu Seite so gut es geht. Dora ist eh viel in der Werbeagentur – Eine der Unverzichtbaren – Seniortexterin. Dann kündigt sich zu Jahresbeginn 2020 Corona an und Robert verwandelt sich vom Klimaapokalypter zu einen Coronahysteriker. Zu einem, den die Maßnahmen der Regierung nicht streng genug sein kann und alle Auflagen übererfüllt. Schon im letzten Herbst hatte sich Dora ein Grundstück mit Häuschen in der brandenburgischen Peripherie gekauft, auf Kredit.

Robert ging zu jeder Klimakundgebung, nicht nur als Berichterstatter, sondern auch als Aktivist. Wenn sich Greta in erreichbarer Nähe zeigte, reiste er hinterher, selbst wenn er zu diesem Zweck fliegen musste. Jede Begegnung schien seine Motivation zu verstärken und seine Ergebenheit auf die nächste Stufe zu heben. Jetzt gab es für ihn nur noch ein Thema. beim nächtlichen Rotwein sprach er von ansteigenen Temperaturen und Meeresspiegeln, von wachsenden Wüsten, Überschwemmungen, verheerenden Stürmen und anderen Naturkatastrophen. Er beschrieb das Artensterben unter den Tieren, malte klimabedingte Völkerwanderung in grellen Farben, bis Dora die Elend-Trecks und Slum-Bildungen vor sich sah wie Bilder aus einem Roland-Emmerich-Film. Unvermeidlich waren die anschließenden Bürgerkriege, in denen die Menscheit beginnen würde, sich selbst auszulöschen, bevor der Natur der finale Vernichtungsschlag gelang.
Dora hörte ihm zu, wie sie es immer getan hatte. Aber die apokalyptischen Szenarien schlugen ihr aufs Gemüt. […]
Was war aus der Gewissheit geworden, dass es keine absoluten Gewissheiten gibt, weshalb an allem gezweifelt, über alles gesprochen und gestritten werden muss? Dora verstand nicht, woher Robert das sichere Gefühl für die Überlegen seines Lebenstils nahm. Sie kam da nicht mit.

Dann ist es soweit, die Kanzlerin wendet sich ans Volk, Robert verfällt weiter ins apokalyptische Denken und triggert Dora unentwegt. Sie hält es nicht mehr aus mit Robert, mit seiner überzogenen Rechthaberei, seinen Kontrollwahn. Sie packt das nötigste und haut ab nach Bracken, so heißt das Dorf in Brandenburg. Dora hat Robert nichts von Bracken erzählt.

Über Menschen spielt auf Juli Zehs Erfolgsroman Unter Leuten an. Ein Roman den ich nicht kenne, aber von Städtern erzählt die auf Land, ins Dorf ziehen. So könnte man Über Menschen auch schnell in das Genre des Dorfroman einsortieren. In diesen Fall wäre es allerdings nur in Teilen richtig. Bracken wird kaum beschrieben, nur wenige Leute werden Vorgestellt. Einer der Nachbarn ist zum Beispiel Tom, der zu Dora in einem Gespräch sagt; In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben. Wirst dich dran gewöhnen müssen. In Bracken bekommt Dora es mit Gote zu tun, ihrem Zaunnachbarn, der sich gleich bei der ersten Begrüßung vorstellt mit; Ich bin hier der Dorf-Nazi. In Über Menschen begleiten wir Dora als Protagonistin.

Juli Zeh gelingt es ihren Figuren Ambivalenzen mitzugeben die zum nachdenken anregen. Sei es der Übervater Jojo, der als Neurochirurg eine Koryphäe ist, der einen engen Dienstplan hat und trotzdem in den entscheidenden Momenten für sie und die Familie da ist und trotz seiner Heiligkeit menschlich ist oder eben Dora, die als Links-liberales Wohlstandskind lernt das Glück, Liebe, Bildung, Intelligenz, politische Einstellung, sexuelle Präferenz nicht alles Seiten des selben Würfel, sondern jeweils andere Würfel sind, die unterschiedlich fallen können. Doras Weltbild gerät ins wanken. Dürfen Nazis nette Leute sein, ehrlich und bodenständig? Dürfen Schwule AfD wählen? Ohne Zweifel hat Über Menschen auch einen politischen Impuls. Es geht darum, ob sich politische Lager nur noch gegenseitig verachtend anschweigen oder anbrüllen oder ob man ein modus operandi findet mit einander umzugehen ohne sich gegenseitig umzubringen. Von daher spiegelt der Roman auch ein Phänomen unser Zeit wieder, die Polarisierung und auseinanderdriften von Gesellschaft und sozialen Wirklichkeiten.

Man könnte die Idee kommen das Dora ein bisschen was von Erich Kästners Fabian hat. Er ist Werbetexter, sie ist es auch. Er verliert in der Wirtschaftskrise seinen Job, Dora verliert Coronabedingt ihren Job. Berlin ist wieder der Ort wo zivilisatorische Krisen kondensieren und politische Kräfte aufeinander prallen.

Fazit:

Über Menschen ist nur oberflächlich ein Coronaroman, es geht viel mehr, es um die Ambivalenzen die dem Menschensein eigen ist, wo das Leben nicht nur Schwarz oder Weiß ist, Richtig oder Falsch, Gut oder Böse sondern immer auch ein sowohl als auch. Die Vierhundert Seiten, sind sehr kurzweilig zu lesen. Das Buch ist in einen einfachen und guten Stil geschrieben ohne ästhetische Schwulst. Ist es nun ein Coronaroman, ein Dorfroman, ein Ostroman, ein politischer Roman? – von allem ein bisschen, so mein Fazit. Ein zeitgenössischer Roman der lesenswert ist.

Juli Zeh *30. Juni 1974 in Bonn, ist eine deutsche Schriftstellerin, Juristin und ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg.
quelle: wikipedia


Fakten:
Autor: Juli Zeh
Titel: Über Menschen
Seiten: ca. 400
Verlag: Luchterhand
VÖ-Jahr: 2021, 22€