Denklatenz

Das Magazin

Eine Rezension zu Irmgard Keuns Roman

Nach Mitternacht

Nach Mitternacht, ein 1937 erschienener, antifaschistischer Roman der mit feinem Gespür die Zeichen er Zeit widerspiegelt und die zunehmenden Bedrängnisse von Juden in Nazideutschland zeigt. Ein Roman der die langsam, immer tödlicher werdende Umklammerung der Nazis, den deutsche Juden ausgesetzt waren, auf literarische Art und Weise, aufzeigt.

von René Buchfink

Sanna ist jetzt 19 Jahre alt. Mit 16 Jahren verließ sie ihren alten Vater und ihre Stiefmutter und zog von Lappesheim in die Großstadt nach Köln zu ihrer Tante Adelheit. Die Tante ist ein garstiges, herrisches Weib die ihren Sohn, den Franz, psychologisch misshandelt. Aber Sanna hat dort Unterkunft und Essen, im Laden der Tante verdient sie zudem etwas Geld, so das sie es dort aushält. Obwohl sie den Franz mag, geht Sanna nach Frankfurt und kommt bei ihrem 17 Jahre älteren Halbbruder unter, Alois Moder, aber alle nennen ihn Algin. Er ist witzig und ein guter Mensch, ein recht erfolgreicher Poet und Schriftsteller, beliebt beim breiten Publikum, doch die neuen Machthaber aus Berlin mögen seine Texte nicht. Nur mit Zugeständnissen an die Reichsschrifttumskammer kann er sich finanziell noch über Wasser halten. Bevor sie wieder nach Köln zieht, kommt der Führer nach Frankfurt. Die halbe Stadt ist in närrisch weil der Reichskanzler kommt. Er zeigt sich im offenen Wagen, lässt sich bejubeln. Zurück in Köln ist die Tante Adelheit ganz entzückt von dem Redner aus Braunau und den neuen Zeiten. Sanna dagegen hat nur Spott für den verschwitzten Redner übrig. Bevor die Sache eskaliert zieht sie erneut nach Frankfurt.

In Frankfurt gibt es auch einen Franz den sie lieben kann. Sie baut sich ein soziales Umfeld auf und könnte ganz glücklich werden wenn nur die Hakenkreuzler nicht währen. Franz und sein bester Freund Paul wollen für sich drei, Franz, Paul und Sanna, eine Existenz aufbauen. Ein Zigarettenladen soll es sein, klein aber fein. Aber, ein Konkurrent, der Zigarettenverkäufer Schleimann aus der selben Straße in der auch Franz und Paul ihren kleinen Laden herrichten, diskreditiert die beiden als Kommunisten und aus dem Zigarettenlädchen wird nichts. Der Schleimann, soviel sei verraten, erhofft sich so eine bessere Stellung in der SA. Franz und Paul werden von der Gestapo verhaftet und verhört. Nach drei Monaten Schutzhaft kommt Franz wieder raus, Paul bleibt verschwunden. Später bricht die Wut aus Franz heraus. Noch heute Nacht müssen sie, Sanna und Franz, flüchten. Während Sanna im Hinterzimmer, das nötigste in Koffer packt, wird vorne in der Wohnung die letzte große Party gefeiert. Jeder der Anwesenden hat ein Schicksal zu tragen, alle sind sie verfolgte des Naziregimes, der Rausch, der Alkohol, der Tanz, die rotglühenden Tränen, die Ekstase des Ungesagten vergrößern nur den Abschiedsschmerz und die Zukunftsängste. Für Juden ist in Deutschland kein Platz mehr, das Hitlerdeutschland ist für sie tödlich geworden. Für Franz und Sanna geht es nach Amsterdam in dieser Nacht.

Die Asphaltliteratin

Bild: "Notiz" von denklatenz.de unter CC BY-SA 4.0
Notiz über eine Unterredung mit u.a. Philip van Alfen vom Verlag Albert de Lange (Amsterdam)

Irmgard Keun schrieb den Roman 1936 im Niederländischen Exil. Der Verlag Albert de Lange lehnte den Druck des Werks ab. Der Querido-Verlag unter Leitung von Fritz Helmut Landshoff hat diesen Roman dann 1937 veröffentlicht.

Es ist mein erster Roman den ich von Irmgard Keun gelesen habe. Andere Rezensenten und zeitgenössische Kommentatoren beschreiben Keun gerne als Asphaltliteratin, damit soll wohl zum Ausdruck kommen, dass sie ganz dicht an den Lebenswirklichkeiten der Menschen dran war und das gehörte und erlebte in ihren Romanen verarbeitete. Die Szenen im Gebäude der Geheimpolizei, gründen sich in der Tat auf Keuns persönliche Erlebnisse mit der Gestapo und hat sie hier in Nach Mitternacht literarisch verarbeitet.

Nach Mitternacht ist immer noch im Stil der Neuen Sachlichkeit geschrieben. Obwohl das Großstadtmilieu und vor allem das Großstadtflair nicht besonders stark in Erscheinung tritt, anders als Beispielsweise in Berlin Alexanderplatz, würde ich diesen Roman neben der Neuen Sachlichkeit auch in Genre des Großstadtroman verorten. Verschiedene Milieus werden angedeutet, die Eckkneipen spielen eine Rolle. Nach Mitternacht ist zum Teil in Mundart geschrieben, sehr dezent zwar und vielleicht gerade deshalb besonders erfrischend. Ich finde das es ihr gut gelungen ist.

Die Hauptfigur Sanna ist ein lebenslustiges und lebenskluge junges Mädel. Nach modernen Lesarten interpretiert, lässt sich Nach Mitternacht auch als Comming of Age - Erzählung interpretieren, also nach einer Geschichte übers Erwachsen werden. Es gibt in dem Roman den Sprung von der abhängigen Jugendlichen hin zur selbständigen und entscheidungsfreudigen und selbständigen jungen Frau.

In Bezug auf die Beschreibungen der progressiven Jundenverfolgung im 3. Reich, hat Nach Mitternacht Ähnlichkeiten mit Die Geschwister Oppermann von Lion Feuchtwanger oder auch mit Das Beil von Wandsbeck, von Arnold Zweig. Vom lebensbejahenden Schwung von der lebenslustigen Grundstimmung her, die Sanna ausstrahlt, erinnert die Heldin ein wenig an Fabian aus Kästers Roman von 1931. Der auffälligste Unterschied jedoch zu anderen berühmten Werken der Exilliteratur und antifaschistischen Literatur ist, das der Held eine Frau ist. Selbst in Anna Seghers Romanen wie Transit oder Das Siebte Kreuz sind die Helden Männer.

Klaus Mann mokierte sich über das „geplappere“ der Hauptfigur Sanna, verkennt dabei aber das Keun ihrer Figur bewusst eine gewisse naive Luftigkeit mitgegeben hat, wie sie später erklärte.

Fazit:

Ein sehr lesenswertes Buch, das ein schweren Stoff leicht vermittelt und durch die vielen kleinen inneren Anekdoten einen Eindruck über Hitlerdeutschland der 1930er Jahre vermitteln kann. Irmgard Keun war für Jahrzehnte aus dem Blickwinkel der literarischen Öffentlichkeit verschwunden – Ihr Werk Nach Mitternacht kann sich in die Oben genannte Reihe durchaus eingliedern. – Gut das sie vor einigen Jahren wie­der­ent­de­ckt worden ist und ihre Werke neu gewürdigt werden.


Irmgard Keun (* 6. Februar 1905 in Charlottenburg bei Berlin; † 5. Mai 1982 in Köln) war eine deutsche Schriftstellerin.


Fakten:
buchdeckel Roman Nach Mitternacht
Cover: Irmgard Keun: Nach Mitternacht
Autor: Irmgard Keun
Titel: Nach Mitternacht
Seiten: ca. 170
Verlag: Büchergilde Gutenberg
EA-Jahr, VÖ-Jahr: 1937 (Querido), 1980